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Das Departement in den französischen Alpen gehört historisch zur Landschaft Dauphiné und liegt vitikulturell zwischen den Savoyen und der Rhône.

Verdesse, Persan, Étraire de la Dhuy – Cave de Bernin – Côteaux du Grésivaudan

Auf der Suche nach unbekannten Rebsorten muss man in unbekannten Regionen schauen. Eine davon liegt in Frankreich zwischen Grenoble und dem Gebiet des Vin de Savoie AOC, was auch zumindest in Deutschland nicht gerade oft anzutreffen ist. Die Côteaux du Grésivaudan sind Teil des IGP Isère (zusammen mit Balmes Dauphinoises) und haben mit niedrigen Preisen, hohem manuellem Aufwand und höheren Grundstückspreisen zu kämpfen. Dass es diese Weine trotzdem noch gibt, hat man auch der Leidenschaft der Winzer zu verdanken, die die alte Winzer-Tradition hochhalten. Vor allem durch den Anbau von autochthonen Rebsorten, die neben den auch in den benachbarten Savoyen vorkommenden Reben wie Jacquère und Mondeuse Noire ihren Platz beibehalten konnten.

Zu diesen gehören die weiße Verdesse und die roten Rebsorten Persan und Étraire de la Dhuy. Die Verdesse hatte ich vorher schon bei der Domaine des Rutissons probiert und für interessant befunden, mit 2ha in 2008 eine wahre Rarität. Persan und Etraire waren mir noch unbekannt, laut Wine Grapes handelt es sich bei der Etraire um einen Sämling von Persan. 2008 waren nur 6ha bepflanzt. Etwas mehr verbreitet mit 9ha in Frankreich und einigen Winzern im Piedmont ist die Persan-Rebe, in Italien Becuet genannt. Alle drei Rebsorten werden von der kleinen Winzergenossenschaft aus Bernin angebaut und einzeln abgefüllt. Damit sind sie, soweit ich feststellen konnte, die einzigen Winzer, die alle drei Rebsorten anbieten. Ein Grund dort mal vorbeizuschauen.

 

Cave de Bernin

Die Genossenschaft war mit Navi einfach zu finden und mit dem Wohnmobil auch gut zu erreichen, was in den Bergdörfern der Gegend leider nicht selbstverständlich ist. Ein Parkplatz, ein kleiner Verkaufsraum mit eigenen Weinen und Spezialitäten aus der Region wie Walnüsse, Marmeladen und Blick auf die Berge. Was will man mehr! Und das alles zu sehr günstigen Preisen: Flaschenpreise von 2.90€ bis 5€, BiBs sind noch günstiger. Alle Weine sind ohne Jahrgangsangabe. Leider hatte ich keine Zeit zu Probieren, da ich noch schnell weiter Richtung Saint-Jean de la Port zur Domaine de Méjane, unserem nächsten Wohnmobil-Stellplatz wollte.

Verdesse Cave de Bernin

Der erste Wein, Verdesse, zeigt sich hell. In der Nase Granny-Smith-Apfel, Zitronen-Limonade, leichte Seife gefolgt von gekochtem Apfel mit Lavendelhonig, überreifer Ananas und leider mehr als nur einem Hauch von flüchtiger Säure. Im Mund leicht, mit einem langen mineralisch saurem Abgang und Nachgeschmack von getrockneter Apfelschale. Insgesamt kommt der Wein etwas wässrig daher, es fehlt ihm Konzentration.

Am zweiten Tag keine Spur mehr vom Essig, wieder Granny Smith, dann geeiste Ananas, Bananen-Kaugummi, Lavendelhonig, Himbeerbrause und Kreide. Überreife Ananas und Austernpilz im Nachgeschmack.

Etraire de la Dhuy Cave de Bernin

Der zweite Wein, der Etraire de la Dhuy, zeigt sich hell im Glas. In der Nase entfalten sich Gewürznelke, Vanille und Kirsche (saftig und reif, so wie Marmelade). Im Mund leicht, auch nur leichte Tannine mit erfrischender Säure. Auch dieser Wein lässt hier nur erahnen, was aus der Rebsorte gemacht werden könnte, wenn der Ertrag niedrig gehalten wird.

Am nächsten Tag hat sich der Wein nur leicht verändert: Cassis, Kirsche, leicht geräucherter Schinken mit Nelken. Kirsche und Nelke im Nachgeschmack bei leichter Bitternote.

Persan Cave de Bernin

Der dritte Wein und mit 5€ auch der teuerste des ganzen Sortiments ist der Persan.

Von der Farbe etwas intensiver als der Etraire, was jetzt auch nicht so schwierig ist. In der Nase erst einmal eine volle Breitseite Brett (Brettanomyces), Kuhstall. Zum Glück sind diese Aromen im Glas recht schnell verschwunden. Dafür kommen Himbeermarmelade, Hibiskusblüte und Orangenmarmelade mit Safran zum Vorschein. Auch im Mund voller als der Etraire, mit einer ausgewogeneren Säure Pflaumenschale im Abgang.

Am zweiten Tag ist der Einfluss von Brett nicht mehr so stark, eher angenehm. Er verleiht dem Wein jetzt eine Note, die in der Literatur als „foxy“ beschrieben wird. Der Geschmack von Concorde-Trauben-Konfitüre. Im Mund dann knuspriges Vollkornbrot mit eben jener Konfitüre bestrichen, ohne dabei süß zu sein. Die Säure kommt jetzt etwas kräftiger raus. Er bleibt trotzdem für mich der beste der drei Weine.

 

Insgesamt eine interessante Angelegenheit. Komplexe Aromen, leider fehlt es allen etwas an Konzentration, da ist noch Platz nach oben. Ausserdem bis auf die weite Anfahrt extrem kostengünstig.

 

2011 Verdesse – Domaine des Rutissons – Isère

Wenn man die Weine Frankreichs grob in die bekannten Hauptanbaugebiete Bordeaux, Burgund, Champagne, Elsaß, Languedoc-Roussillon, Loire, Jura, Korsika, Provence, Rhône, Savoyen und Südwesten aufteilt, gibt es immer noch ein paar Weinregionen, die nicht in das Raster passen. Das gilt besonders für die Weine des Départements Isère. Südwestlich der Savoyen grenzt es westlich an die Rhône, die nächste Weinregion im Süden ist die Provence. Von der Landschaft ähnelt es am ehesten den Savoyen, zeigt sich aber kulinarisch eigenständig. Tartiflets, Raclette, Fondue findet man hier weniger, dafür überzeugt die Küche mit leckeren raviols, kleine Teigtaschen gefüllt mit Käse und Petersilie. Das musste ich im letzten September erfahren, auf der Rückfahrt von der Côte d’Azur zurück nach Deutschland. Als Ziel hatte ich mir die Stadt Mens ausgesucht, aber nicht wegen der schönen Aussicht.
Landschaft um Mens
In dieser kleinen (ca 1200 Einwohner), aber ökologisch sehr engagierten Stadt (große Bio-Messe im September, Samstags-Markt mit hohem Anteil an Bio-Waren, kleine Bio-Brauerei, Gemeinschafts-Gemüsegärten), gibt es einen Weinladen, der sich auf die unbekannten Weine der Alpen spezialisiert hat. Direkt am Marktplatz gelegen war er zwar leicht zu finden, aber an diesem Tag eigentlich geschlossen, wegen Vorbereitung auf die Bio-Messe. Glücklicherweise war aber ein Herr durch ein Fenster im Keller zu sehen, der Kisten ausräumte. Mit Winken konnte ich seine Aufmerksamkeit erreichen und dann auch sein Herz erweichen, mir ein paar Flaschen zu verkaufen.
Eine von diesen ist der 2011er Verdesse der Domaine des Rutissons aus St Vincent de Mercuze. Neben Rebsorten der Nachbarn (Jacquère aus den Savoyen und Viognier von der Rhône) bauen sie auch autochthone Rebsorten an, Etraire de la Dhuy und Verdesse. Die Verdesse-Rebe ist mit 2ha Gesamtanbaufläche in Frankreich (2008) eine eher unbedeutende Rebe. Den Namen hat sie von ihren stark grünen Blättern. Sie gilt als aromatisch und hat deshalb auch das Synonym Verdesse Musquée erhalten, aber es sollen keine Muscat-Aromen sein.

Frisch aus dem Kühlschrank kommen erst einmal Sauerkraut mit Äpfeln, Zwiebeln und Speck hervor. Im Mund überzeugt eine kristallin mineralische Säure, Himbeerbrausepulver im Abgang, Trockenfrüchte und leichter Champignon aus dem Glas im Nachgeschmack. Schnell verschwindet das Sauerkraut und die Himbeerbrause kommt mit gekochtem Apfel, leichtem Räucherspeck etwas Honig und Kreide in die Nase.
Eine wirklich große Entdeckung, ich kann nur hoffen, dass die Verdesse sich gegen Rebsorten wie Chardonnay oder Viognier durchsetzen kann und nicht ausstirbt.

Die raviols gab es am Abend im Café des Arts. In der Nacht, Frieren im Zelt und eine Rückfahrt in den Regen.

pH: 2.9
Brix: 6.4
Alkohol: 12 Vol%